die luke logo 1

Vom 18. Mai bis 16. Juni 2013 machte Michelle für ihr geplantes Studium „Kultur- und Medienbildung“ ein Praktikum in der LUKE. 
Wie es ihr bei den vielfältigen Aufgaben ergangen ist, erzählt sie hier. Viel Spaß beim Lesen!

  Michelle

„Es muss der Seele gut tun“

Erste Eindrücke von meinem Leben in der Luke

„Es muss der Seele gut tun.“ sagt Eliane und lächelt – offen, herzlich und fast ein wenig verlegen - während sie offenbar nach den richtigen Worten sucht, um zu beschreiben, was der Leitfaden dieses kleinen Ladens ist, der auf den Namen „Die Luke“ hört. Dabei hat sie diese schon längst gefunden.

Wir sitzen draußen auf der kleinen, liebevoll gestalteten Terrasse, während die Sonne langsam versinkt und in das tiefe Blau des abendlichen Himmels taucht, sodass sich der rötlich gefärbte Horizont um uns erstreckt wie ein weitläufiges Meer.
Einige Menschen sitzen auf den Bänken aus dunklem Holz, die mit roten Sitzkissen geschmückt sind und genießen die warme Abendluft, kommen fast beiläufig ins Gespräch.
Ein junger Mann setzt sich ohne große Bedenken in die lockere Runde dieses angenehmen Abends, der sich als Vorbote des kommenden Sommers zwischen die sonst recht trüben und von missmutig machender Kälte dominierten Tage einreiht.
Mit einer Hand streicht er sich durch das wohl offenbar gewollt durcheinander wirkende Haar, grinst verschmitzt, während er sich eine Zigarette anzündet. Er ist allein gekommen, scheint sich aber nicht daran zu stören.
Nach wenigen Sekunden spricht er ein älteres Pärchen an - was für mich schon allein aufgrund des Altersunterschiedes doch einen Augenblick irritierend wirkt - und das er offenbar nicht kennt. Auch daran stört er sich nicht und ich verstehe schnell, dass er wohl allein, aber deshalb noch lange nicht einsam ist. Nicht hier. Nicht in der Luke.

Das Publikum reicht von jung bis alt - Man begegnet sich auf Augenhöhe, lächelt ungeniert, spricht ohne große Umschweife miteinander, als wäre es das Normalste der Welt. Dabei wissen wir alle, das dem viel zu oft nicht so ist.

Ein letzter Zug an der – wie mir durch aus bekannt ist, gesundheitsschädlichen – Zigarette. Ich drücke sie aus, blase ein letztes Mal den bläulichen Rauch aus meinen Lungen und mache mich auf, das Innere der Luke zu erkunden.

Einige Treppenstufen führen hinab in den Keller, an dessen Name nur das rustikale Rundgewölbe des Raumes erinnert. Wo bei den Meisten Wäsche oder Lebensmittel lagern, alte Klamotten ihre letzte Ruhestätte finden oder längst vergessene Kartons verstauben, begrüßt einen in der Luke ein freundlicher, gemütlicher Raum, dessen warme Farbtöne sofort eine sonderbar anziehende Atmosphäre schaffen, die man in künstlich modern durchgestylten Clubs und Bars vermissen wird.
Am Ende des Raumes befindet sich eine kleine Bühne, die sich nur wenige Zentimeter von dem Boden abhebt. Die Sitzplätze reichen bis zu dieser vor und man müsste nur seinen Arm ausstrecken, um den Künstler des Abends zu berühren.
Und genau das macht den Charme des Kulturkellers aus. Der Künstler ist dem Publikum nah – zum Greifen nah – sowohl körperlich, als auch in jedem anderen Sinne. Keine Großstadthektik, keine Sterilität, kein gesichtsloses Nebeneinander. Im Kulturkeller sitzt man nah beieinander, Fremde unterhalten sich ohne falsche Zurückhaltung, Blicke, und noch umso vieles wichtiger, Lächeln werden freizügig, fast familiär ausgetauscht.

 Die Besitzer Eliane und Andreas sind mitten unter ihnen – freundlich, strahlend und die ganze Welt willkommen heißend in ihren kleinen Kreis einzutreten. Sie gehen offen auf ihre Gäste zu, begrüßen sie herzlich, freundschaftlich, egal ob Stammgast oder neues Gesicht. Die Leute stellen angeregt Fragen und diskutieren begeistert über dieses kleine Etablissement, das so anders ist, als das Bekannte, anders als die gewohnten Kneipen und Bars in der Ludwigsburger Innenstadt und wahrscheinlich gerade deshalb so erfrischend und aufregend.
Und immer wieder fällt der eine Satz - „Warum kannte ich euch nicht vorher?“
Ja, die Luke scheint vielen unbekannt, obgleich die Betreiber fleißig Werbung schalten. Ob das an der Lage etwas außerhalb der Innenstadt liegt, mag offen bleiben, aber jene, die ihren Weg hinein in den Kulturkeller finden, kommen gewiss zurück.
Letztendlich ist es wohl immer im Leben so, dass man die wahren Schätze erst einmal finden muss.

Es ist halb neun und das geschäftige Treiben und die Konversationen kommen langsam zur Ruhe als der heutige Künstler die Bühne betritt. Er blickt in die Runde, lächelt als sehe er alte Bekannte und spricht schließlich einige Worte in das Mikro, erzählt aus seinem Leben, als sitze er mit Freunden bei einem Bier im Wohnzimmer. Ein Gefühl, das der Künstler und Gäste gleichsam zu spüren scheinen. Ein Gefühl, das noch viele Künstler und viele Gäste nach ihnen spüren werden. Dann erfüllt seine Stimme den Raum und der Takt der Musik durchschwemmt das überschaubare Etablissement wie eine sanfte Welle.
Es ist ruhig, unaufgeregt, obwohl sich einige Leute unterhalten, obwohl die Musik den Raum erfüllt. Es ist eine Art Ruhe, die das Innerste erfüllt. Einige schließen die Augen, andere wippen gedankenvoll mit, während der Gesang die Leute in ihren Bann zieht.
Einen kurzen Moment ist man weit weg. Weg vom Arbeitsstress, weg vom Ärger zuhause, weg von der Hektik, dem Termindruck, den Problemen, die am nächsten Tag warten. Ein kleiner Urlaub vom Alltag und von der immer schneller werdenden und oftmals gesichtslosen Gesellschaft. Kein Gestern, kein Morgen – nur hier und jetzt.

An diesem Abend ist es Norm Strauss, dessen blaue Augen wie die Lichter eines Leuchtturms von der Bühne in das Publikum strahlen, während er sein Lied singt, mit welchem er seine ganz eigene, persönliche Geschichte freimütig mit Fremden teilt.
Etwas liegt in seinem Blick, das die Leute fasziniert. Vielleicht ist es die Tatsache, dass sich dahinter ein ganzes, erfahrungsreiches Leben verbirgt, an dem wir an diesem Abend Teil haben dürfen.
Viele großartige Künstler werden ihm folgen. Künstler, die die kleine Bühne wie eine eigene kleine Welt erscheinen lassen, die denen großer Theater und Konzerthallen in Nichts nachstehen - sie im Charme des kleinen Kulturkellers vielleicht sogar übertreffen.

John Francis, in dessen Songs Johnny Cashs Einfluss unüberhörbar ist und der es schafft mit seiner unverkennbaren Stimme und dem sympathischen Lächeln einen überfüllten Raum in einigen Sekunden komplett zum Schweigen zu bringen.

Das Duett Jazztino, deren ungewöhnliche Musik gleichsam verstörend wie aufregend ist, die den Gehörsinn und das Gemüt herausfordern und gleichzeitig vielen Pärchen Anlass geben ein wenig näher zusammenzurücken.

Florian Ostertag, dessen Lieder das Herz berühren und der trotz seines unbestreitbaren Talents so bodenständig, fast schon schüchtern auf der Bühne steht und in seine Musik versunken das Publikum aus tiefster Seele singend mitreißt.

Ein kleines Juwel nach dem anderen. Ja, Schätze muss man suchen – und ich bin mir fast sicher, dass irgendwo eine alte Karte in einer Flaschenpost herumtreibt, auf der der Standort der Luke in bester Piratenmanier mit einem dicken, roten „X“ gekennzeichnet ist.

Mit rund 2000 Anfragen ist die Luke ein begehrter Ort für Newcomer, ebenso wie für erfahrene Profis.
„Sie müssen Leidenschaft haben.“ erklärt Andreas, auf die Frage wie er die Künstler auswählt. Ein erzählender Blick, ein begeistertes Lächeln, das man nach einigen Abenden, die man in der Luke verbracht hat, nur teilen kann.
Die Acts sind kleine Besonderheiten an sich, ob Musiker, Schauspieler oder Autoren – sie alle machen dem Namensbestandteil „Kultur“ in „Kulturkeller“ alle Ehre. Fesselnde Auftritte, die die Menschen zum Lachen, zum Nachdenken und zum Verweilen einladen; Das werde ich in den folgenden Tagen und Wochen noch oft denken.

In der Luke erwartet die Gäste eine liebevoll gestaltete Einrichtung, herzliche Bedienungen, die einen mit sämtlichen Getränken und Snacks versorgen - man mag mich an dieser Stelle vielleicht für parteiisch halten, da ich nun selbst ein Teil dieses Teams bin, aber als guter Journalist ist das natürlich eine rein objektive Beobachtung - eine warme Atmosphäre und menschliche Nähe, die nichts mit den großen Kneipen und Bars gemein haben, die man nur zu gut kennt und derer man oftmals überdrüssig ist.

Um 24 Uhr schließt die Luke ihre Pforte und verabschiedet ihre Gäste aus einer fast schon geheimnisvollen Welt, die sich so unscheinbar in das Wohngebiet einreiht, hinaus in die Kühle der hereinbrechenden Nacht.
Ein letzter Blick, ein schmales Lächeln auf den Lippen.
Ein bisschen Magie im Herzen und ein Hauch bittersüße Wehmut bleiben zurück, als einem die kalte Nachtluft entgegenschlägt.
„Eine tolle Philosophie haben die hier.“ höre ich einen Gast im Vorbeigehen sagen und lächele in mich hinein. Recht hat er, denke ich, und freue mich insgeheim, dass ich nicht die Einzige bin, die diesen Eindruck hat.
Es tut der Seele gut - und mit dieser Erkenntnis wird klar, dass Eliane und ihr Mann genau das geschafft haben, was sie erreichen wollten.